… ein Auszug aus dem Kapitel “ Die Ewige Geliebte?“

Sue gerät in eine echt blöde Situation:

»Seltsam, wie viele sich nicht lieben, aber in einer Beziehung leben. Noch seltsamer, wie viele sich lieben, aber nicht zusammen sind!«

Ein Spruch, den Sue irgendwann einmal von einer Freundin zugeschickt bekommen hatte. Sie mochte die Bildchen und Sinnsprüche nicht, die in den sozialen Netzwerken herumschwirrten oder per Handy-Chat beim Herunterladen das Datenvolumen sprengten. Doch dieser führte Sue ihre persönliche Lage vor Augen. War der Tag nicht schon beschissen genug gewesen?

Die anfängliche Müdigkeit, die sie das Treffen hatte absagen lassen, war einer Unruhe gewichen. Um gelassener zu werden entschied sie sich, in eine der zahlreichen Ladenpassagen zu gehen, um das zu tun, was die meisten Frauen von ihrer Unzufriedenheit oder dem Unglücklichsein ablenkte: Shoppen bis die Kreditkarte glühte!

Durch das regenerische Wetter herrschte an diesem frühen Abend großer Trubel in den Geschäften. Unzählige Familien flanierten durch die Galerie. Sue wanderte zunächst lustlos durch die Läden und konnte sich nicht entscheiden, etwas zu kaufen. Ihr Blick auf die Auslagen einer Parfümerie entlockte ihr einen Seufzer. Der Herrenduft, den Leon benutzte, wurde dort großflächig ausgestellt. Für eine Sekunde schloss Sue die Augen und konnte seinen Geruch wahrnehmen. Sie liebte es, ihn zu riechen! Ob sie ihm einen Flakon schenken sollte? Nach kurzem Hin und Her entschied sie sich dagegen.  In beruflichen Dingen agierte sie souverän, aber wenn es sich um ihre eigenen Gefühle handelte, wurde sie unsicher.

Ein paar Meter weiter, in einem Juwelierladen, erweckte eine Uhr ihr Interesse. Diese Fliegeruhr, die für Männer designt worden war, stand schon länger auf ihrer Wunschliste. Sue liebte große Uhren. Für die zierlichen Modelle, wie sie überwiegend für Frauen angeboten wurden, konnte sie sich nicht begeistern. Beim Betrachten des Kaufpreises musste sie erneut schlucken. Nach einem Augenblick des Zögerns betrat sie den Laden. »Ich kann sie ja mal anprobieren«, murmelte sie zu sich und ließ sich das Stück der Begierde von einem Verkäufer zeigen.

»Auch wenn es ein Herrenmodel ist, passt sie ausgesprochen gut zu Ihnen«, bestätigte dieser, als Sue sie angelegt hatte.

»Ich überlege schon ewig, ob ich mir die Uhr gönnen soll«, gestand Sue ein. Sie hielt ihren Arm gestreckt, um den Anblick besser einschätzen zu können.

»Wir könnten das Armband für Sie enger machen lassen«, schlug der emsige Verkaufsberater vor.

Sue atmete tief ein und urplötzlich war der Impuls zur Kaufentscheidung erwacht. »Okay, ich kaufe sie!«, sagte sie mit fester Stimme. »Man gönnt sich ja sonst nichts!«

»Da sagen Sie was!«, wurde sie von einer Dame in einem eleganten Kostüm bestätigt, die sich zu ihnen gesellt hatte. »Wenn Sie noch etwas zu erledigen haben, nehmen wir die Änderung sofort vor.«

Sue nickte und ein Glücksgefühl durchflutete sie. Der Belohnungseffekt zeigte sich wie in einem Lehrbuch für Psychologie.

Mit dem Kauf der Uhr wurde das Kaufrausch-Gen in Sue geweckt. Aus heiterem Himmel fanden unzählige Sachen ihr Interesse und später in eine Tüte. Mit jedem weiteren Einkauf besserte sich Sues Stimmung. Ein herrlich simpler Instinkt, sich durch Konsum befriedigen zu können. Beschwingt betrat sie mit etlichen Tragetaschen und einem Kaffeebecher in der Hand zum zweiten Mal das Juweliergeschäft. Als sie eintrat, hörte sie das Kreischen eines Kindes, welches deutlich seinen Unwillen signalisierte. Die Mutter wirkte ebenso genervt, wie die Verkäuferin.

Das Mädchen stampfte trotzig mit dem Fuß auf. »Ich will nicht hier sein«, maulte sie laut.

»Nur noch einen Moment«, versuchte die Frau ihre Tochter zu beruhigen.

»Neiiiinnnn, ich will das jetzt nicht!«, plärrte die Kleine unartig.

Sue rollte die Augen und wartete, mit dem Rücken zur Tür, auf die Herausgabe ihrer Uhr. Die Unruhe in dem Laden begann sie zu nerven. Sie nippte an ihrem viel zu heißen Kaffee und verbrannte sich die Zunge. Ihr Stresspegel stieg stetig an. Am liebsten hätte sie sich bei der Mutter beschwert. Allerdings würde sie vermutlich nichts erreichen. Mamis reagierten in der Regel empfindlich, wenn man sich über ihre lieben Kleinen negativ äußerte. Sprüche wie: »Sie waren auch mal klein« oder »Sie mögen wohl keine Kinder?«, wollte sich Sue in diesem Moment ersparen.

»Ann, würdest du bitte nicht so herumschreien«, vernahm Sue plötzlich eine Männerstimme.

In dem Bruchteil einer Sekunde jagte eine heiße und anschließend eine kalte Welle durch ihren Körper und ihre Beine fühlten sich wie Pudding an. Wenn sich herausstellte, dass sich ihre Befürchtung bewahrheitete, würde sie auf der Stelle tot umfallen. Wie konnte das sein? In Liverpool gab es zig Einkaufspassagen.

»Daddy, Daddy«, rief Ann.

Das Mädchen stürmte an ihr vorbei, rempelte sie dabei an, sodass Sue der Kaffeebecher aus der zitternden Hand fiel. Der Deckel sprang ab und der Kaffee spritze auf Sues Schuhe und ihre Hose. Mit rasendem Herzen wagte sie einen verstohlenen Blick. Ja, sie hatte sich nicht geirrt! Da stand er, mit einem weiteren Kind an der Hand, und näherte sich ihr.

Nur nicht hinschauen, vielleicht erkennt er dich nicht, dachte sie panisch und wusste, dass das einer frommen Wunschvorstellung glich. Es fühlte sich an, als bohrten sich Leons Blicke in ihren Körper. Sie schluckte und ein dicker Kloß hatte sich in ihrem Hals gebildet. Sue hatte das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Ihr Kopf begann zu glühen. Gegen all diese Reaktionen konnte sie nicht ankämpfen und war der Herrschaftsgewalt der Liebe hilflos ausgeliefert!

»Hier ist es langweilig und doof, Mum ist gemein!«, hörte sie das Kind jammern.

»Du bist heute aber unleidlich«, vernahm sie seine Worte. »Das hatten wir anders verabredet.«

Wie paralysiert starrte Sue auf die bräunliche Brühe, die sich auf dem Boden verteilte.

»Das tut mir schrecklich leid!«, wurde Sue unvermittelt von Leons Frau angesprochen, die sofort auf sie zugekommen war.

Ein banaler Satz, der Sue zusammenzucken ließ. Sie hob den Kopf und sah in das Gesicht ihrer Widersacherin. So sah also die Frau aus, die es ihr unmöglich machte, mit dem Mann, den sie liebte, eine Beziehung zu führen. Mit ihr teilte er sein wahres Leben. Sie war es, die abends mit ihm einschlafen durfte.

»Kann ich Ihnen behilflich sein«, bot sie freundlich ihre Hilfe an und wollte Sue mit einer entschuldigen Geste am Arm berühren.

»Es ist nichts passiert«, stammelte Sue und wich zurück, als stände der Teufel leibhaftig vor ihr.

Die Verkäuferin eilte mit einem Tuch herbei und entschuldigte sich ebenfalls wortgewaltig in einer Entschuldigungssalve.

Langsam drehte sich Sue um.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte die Widersacherin, da Sue blass geworden war.

Leon nahm seine Tochter auf den Arm und parallel kreuzten sich ihre Blicke. Sues Herz klopfte heftiger gegen ihre Brust. Immer wenn er sie mit seinen faszinierenden Augen ansah, fühlte sie sich verzaubert.

Die Verkäuferin wischte den Boden und tupfte Sues Hose und Schuhe ab. Wie in Zeitlupe spielte sich die Szene vor Sue ab. Alles, was gesagt wurde, drang lediglich wie durch einen Nebenschleier gefiltert zu ihr durch. Sie hatte gewusst, dass es eine Frau und zwei kleine Kinder gab. Kein schöner Gedanke, aber direkt damit konfrontiert zu werden, fühlte sich schrecklich an. Der Stich in ihrem Herzen und ihrer Seele schmerzte nahezu unerträglich.

»Ich möchte mich ebenfalls entschuldigen, dass meine Tochter Sie angerempelt hat«, sagte er mit ruhiger Stimme. Entweder ist es ihm gleichgültig, dachte Sue irritiert oder er ist in der Lage, es geschickt verbergen. Nichts ließ darauf schließen, dass ihn die zufällige Begegnung und das Kaffeedilemma überraschten.

»Ja, das kann passieren«, murmelte Sue und starrte ihn an. Dabei spürte sie, wie Leons Frau sie misstrauisch beäugte. Du musst dich zusammenreißen, befahl sich Sue. Nicht dass sie noch etwas merkt. Für einen Augenblick schloss sie ihre Augen, um sich zu beruhigen. Du jagst die schlimmsten Verbrecher und bleibst cool, aber wenn dieser Mann dich ansieht, klappst du wie ein Kartenhaus bei dem klitzekleinsten Luftzug zusammen. Doch sämtliche rationalen Überlegungen fanden auf ihrer Gefühlsebene kein Gehör.

»Mrs?«, drang die Stimme der Verkäuferin an ihr Ohr. »Ist Ihnen nicht gut?«

Sue drehte sich zu ihr um und schüttelte den Kopf. »Nein, alles okay«, sagte sie leise. Erneut wanderte ihr Blick zu Leon, der an seine Frau herangetreten war. Die eine Tochter hielt er nach wie vor auf dem Arm, die andere hatte seine Hand genommen. Das Bild einer intakten Familie, die bummeln geht, dachte Sue verbittert. Wenn er sie jetzt küsst, schreie ich.

»Ich wünsche Ihnen trotzdem viel Freude mit dem schönen Stück«, hörte sie die Worte der Verkäuferin wie aus der Ferne. »Falls Ihnen Reinigungskosten entstehen, übernehmen wir diese gern!«

»Oder wir«, bot sich Leons Frau an.

Kannst du nicht einfach den Mund halten, dachte Sue gehässig und ignorierte ihr Angebot, griff wortlos nach der Tüte und verließ wie ferngesteuert das Geschäft. Sie registrierte, dass Leons Frau ihr verwundert nachblickte. Es war ihr gleichgültig, welchen Eindruck sie hinterließ. Der Fluchtgedanke überlagerte alles andere.

(…)